Angesichts drastisch gestiegener Kosten für Autoreparaturen erhöht die Allianz den Druck auf die Bundesregierung und die Automobilindustrie. Der größte deutsche Kfz-Versicherer fordert, dass Ersatzteile günstiger werden und häufiger repariert statt ausgetauscht werden dürfen. Insbesondere die Verwendung gebrauchter Teile soll ausgeweitet werden, um die finanzielle Belastung für Autofahrer und Versicherungen zu senken.
Nach Angaben des Versicherers sind die Preise für viele Ersatzteile in den vergangenen Jahren explodiert. Ein besonders deutliches Beispiel sind Scheinwerfer: Deren Durchschnittspreis stieg nach Berechnungen der Allianz von 708 Euro im Jahr 2015 auf 1.251 Euro im vergangenen Jahr. Schätzungen zufolge werden in Deutschland jährlich rund 870.000 Scheinwerfer ausgetauscht – häufig nach Bagatellschäden wie beim Einparken. Ein einzelner Scheinwerfer kann je nach Marke und Modell mittlerweile mehrere tausend Euro kosten.
Frank Sommerfeld, Vorstandsvorsitzender der Allianz Versicherungs-AG, kritisierte die Praxis der Autohersteller scharf. „Bei jedem kleinen Schaden wird der Scheinwerfer weggeschmissen und durch einen neuen ersetzt“, sagte er bei einem Pressetermin. Die Industrie müsse dafür sorgen, dass ihre Teile repariert werden können. Gleichzeitig forderte Sommerfeld die Politik auf, die Vorschriften zu vereinfachen, damit mehr Reparaturen erlaubt sind.
Ein zentrales Hindernis sind nach Einschätzung der Allianz behördliche Sicherheitsvorschriften. So müssen etwa die aus Kunststoff bestehenden Klarglas-Scheiben von Scheinwerfern bei Beschädigung gegen neue ausgetauscht werden, auch wenn die Reparatur technisch möglich wäre. Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik, erklärte, dass eine Reparatur in einer Fachwerkstatt bei leichten Kratzern oder Steinschlägen durchaus machbar sei, in Deutschland aber nicht erlaubt. In Frankreich und anderen europäischen Ländern seien solche Reparaturen dagegen zulässig.
Die gesamte Versicherungsbranche beklagt seit Jahren die Preiserhöhungen der Autohersteller bei Ersatzteilen. Der Gesamtverband der Versicherer (GDV) hat berechnet, dass Kofferraumklappen im vergangenen Jahr mehr als doppelt so teuer waren wie zehn Jahre zuvor. Kotflügel kosteten über 80 Prozent mehr, und Frontscheiben waren um die Hälfte teurer als 2015. Diese Kostensteigerungen haben die Autoversicherer dazu gezwungen, ihre Prämien deutlich anzuheben.
Die Allianz argumentiert zudem mit ökologischen Vorteilen. Die Verwendung gebrauchter Teile oder die Reparatur von Komponenten anstelle des Austauschs durch Neuteile lasse die CO₂-Emissionen drastisch sinken. Dies sei ein weiterer gewichtiger Grund, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu ändern und die Industrie in die Pflicht zu nehmen.
Der Vorstoß der Allianz richtet sich damit gleichermaßen an die Politik wie an die Autohersteller. Von der Bundesregierung erwartet der Versicherer eine Vereinfachung der Vorschriften, die Reparaturen erleichtert. Von der Industrie fordert er, dass Ersatzteile so konstruiert werden, dass sie repariert werden können – und nicht nach einem kleinen Schaden sofort ausgetauscht werden müssen. Die Allianz hofft, dass dieser Druck letztlich zu spürbar niedrigeren Reparaturkosten für Autofahrer und Versicherer führt.



